ALTE PFERDE
Viele Pferde werden von ihren Besitzern abgegeben, wenn sie nicht mehr reitbar sind. Dabei ist es wunderschön, sie beim Altern zu begleiten. Einen alten Partner zu unterstützen und Freund zu sein, ohne etwas zu wollen und zu müssen, das macht einfach unglaublich viel Freude!
Alte Pferde benötigen geeignete Bedingungen um sich bis an ihr Lebensende wohl zu fühlen. Dazu zählt eine stabile Gemeinschaft, möglichst keine Veränderungen mehr in ihrer Gemeinschaft, genügend Raum um sich zurückzuziehen. Vor allem benötigen sie einen Bereich um in Ruhe zu fressen und zu ruhen. Wenn Pferdesenioren aufgrund von Zahnproblemen kein Heu mehr fressen können, benötigen sie eingeweichte Heucobs und das sehr viel. 7kg trockene Heucobs sind bei einem 500kg Pferd eine gute Grundlage, zusammen mit Hafer, Mais-, Luzernecobs kann eine gute Tagesration ausmachen, um dem Pferd eine bedarfsgerechte Futterration zu ermöglichen. Oft wird unterschätzt, wieviel ein Pferd benötigt. Das Handling damit ist nicht einfach, denn die Ration muss über den Tag verteilt zu regelmäßigen Uhrzeiten verfüttert werden.
Doch es gibt noch mehr Themen: Ab wann hören wir denn auf, das Pferd zu reiten? Jetzt, wo es alt ist und brav, macht das Reiten noch mehr Spaß, man kennt sich, vertraut sich. Doch - Pferde haben keinen Schmerzlaut! Das sollten wir uns bewusst werden. Und wenn wir merken, das Pferd hat langsam seine Wehwehchen, dann sollten wir aus Respekt und Dankbarkeit andere Aktivitäten finden, die uns mit dem Pferd vielleicht noch stärker verbinden. Und es einfach Pferd sein lassen: Ein paar schöne Jahre der Freiheit in stabilen Herdengemeinschaft, das ist doch perfekt!
Sabine Heüveldop hat uns zu diesen ganzen Themen einen tollen Artikel zur Verfügung gestellt:
Pferdesenioren im Blick
Die Jahre gehen, die Lebensfreude bleibt
Ein altes Pferd kann sich noch wälzen und trotzdem zu wenig im Liegen schlafen. Es kann vor einer vollen Raufe stehen und trotzdem abnehmen. Manche Veränderungen gehören zum Alter. Andere nicht. Wer genau hinsieht, kann Haltung, Fütterung und Bewegung rechtzeitig anpassen – und die Lebensqualität seines alten Pferdes oft lange erhalten.
Das Schwierige am Alter ist selten der eine große Einschnitt. Häufig beginnt es schleichend: ein Pferd frisst langsamer, benötigt mehr Zeit, um sich einzulaufen, schläft weniger im Liegen oder steht häufiger abseits. Die Veränderungen kommen schleichend und mit ihnen manche Beschwerden. Wer sie erkennt und ernst nimmt, gewinnt wertvolle Zeit.
Alter ist mehr als eine Zahl
Pferde werden heute oft älter als frühere Generationen. Das ist eine gute Nachricht – und eine Herausforderung für ihre Menschen. Denn oft erleben sie diese Lebensphase gemeinsam zum ersten Mal und fragen sich: Was braucht mein Senior?
Das Lebensalter allein hilft bei der Beantwortung nur begrenzt. Manche Pferde gehen mit über 30 noch flotten Schrittes ins Gelände, anderen fällt das schon in jüngeren Jahren deutlich schwerer. Fachleute sprechen deshalb vom biologischen Alter: Es beschreibt den tatsächlichen Zustand eines Pferdes und das kann deutlich vom chronologischen Alter abweichen.
Was ein Pferd im Laufe seines Lebens erlebt, prägt den natürlichen Alterungsprozess mit. Vorerkrankungen, frühe Belastungen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Zahnprobleme oder Schmerzen können den Prozess beschleunigen. Umso wichtiger ist Aufmerksamkeit im Alltag: Frisst der Senior mit Appetit? Hält er sein Gewicht? Kommt er in der Herde gut zurecht? Bewegt er sich gern? Legt er sich noch zum Schlafen hin? Antworten auf diese Fragen sagen mehr über den Zustand eines Pferdes aus als die Zahl seiner Lebensjahre.
Nicht alles liegt am Alter
Wenn ein Senior langsamer wird, schlechter frisst oder sich weniger gern bewegt, liegt die Erklärung schnell nahe: Er ist eben alt. Doch nicht alle Einschränkungen sind dem Alter geschuldet.
Ein Pferd, das abnimmt, obwohl die Raufe voll ist, hat vielleicht Zahnprobleme. Ein Pferd, das Verletzungen an den Karpalgelenken hat, schläft womöglich zu wenig im Liegen. Ein Pferd, das in der Gruppe häufiger abseits steht, wurde vielleicht in der Rangordnung nach hinten durchgereicht und kommt nun unter Umständen nicht mehr sicher an Futter, Wasser oder Ruheplätze.
Auch Schmerz ist ein Thema. Er zeigt sich nicht immer als deutliche Lahmheit oder Abwehr. Weniger Bewegungsfreude, mehr Anspannung, eine veränderte Mimik oder plötzliche Verhaltensänderungen, die vorschnell als Alterssturheit gedeutet werden, können tatsächlich mit Schmerzen zusammenhängen.
Pferde haben keinen Schmerzlaut.
Als Flucht- und Beutetiere sind sie darauf angelegt, Schmerz und Schwäche möglichst lange zu verbergen. Für uns Menschen macht das die Einschätzung schwieriger. Probleme können schon länger bestehen, bevor sie deutlich sichtbar werden. Umso wichtiger ist es, Veränderungen ernst zu nehmen und nicht vorschnell als altersbedingt hinzunehmen.
Einzelzimmer oder Senioren-WG?
Pferde können sich in verschiedenen Haltungssystemen wohlfühlen – auch im Alter. Entscheidend ist nicht das Etikett „Box“, „Offenstall“ oder „Aktivstall“, sondern ob das Pferd dort gut zurechtkommt. Kann der Senior in Ruhe fressen? Trinkt er ausreichend? Findet er einen trockenen, geschützten Liegeplatz? Kann er sich zurückziehen? Und bewegt er sich genug, ohne überfordert zu sein? Kurz: Fühlt er sich wohl?
Dabei ist Wohlbefinden gar nicht so leicht zu beurteilen, wie es auf den ersten Blick scheint. Pferde, die dicht beieinanderstehen, wirken harmonisch. Dabei kann Nähe auch entstehen, weil Platz fehlt oder Wind und Wetter die Tiere zusammendrängen. Gegenseitiges Kraulen festigt soziale Bindungen, kann aber auch Erregung oder Stress abbauen. Gleiches gilt für das Spielverhalten erwachsener Pferde – es ist kein sicherer Beweis für Wohlbefinden, sondern dient unter Umständen auch dem Stressabbau.
In der Box kann Bewegungsmangel zum Problem werden, in der Gruppenhaltung können dagegen Rangordnung, lange Wege, rutschige Böden oder fehlende Ruhe alten Pferden Schwierigkeiten machen. Gut geführte Offenställe und Aktivlaufställe erfüllen wichtige Grundbedürfnisse der Pferde: Bewegung, Sozialkontakt, frische Luft und Beschäftigung. Sie verlangen aber gutes Management und genaue Beobachtung. Denn alte Pferde verlieren in Gruppen manchmal an sozialem Status. Dann stehen sie häufiger am Rand, kommen schlechter an Heu oder Wasser oder trauen sich nicht in Liegebereiche, wenn ranghöhere Pferde die Zugänge blockieren. In solchen Fällen kann eine Kleingruppe, ein zusätzlicher Fressplatz, eine andere Raumaufteilung oder zeitweise eine eigene Box die bessere Lösung sein.
Wichtiger als eine einzelne Beobachtung ist immer das Gesamtbild. Hier kann der Blick von außen helfen. Wer über Jahre eng mit seinem Pferd verbunden ist, kennt es oft besser als jeder andere. Gleichzeitig kann diese Nähe beeinflussen: Manche Veränderungen fallen kaum auf, weil sie schleichend kommen; andere möchte man vielleicht nicht als Problem sehen. Eine zweite Einschätzung - durch einen vertrauten Pferdemenschen, einen Therapeuten oder Tierarzt - kann Sicherheit geben.
Wenn erholsamer Schlaf fehlt
Schlaf wird bei Pferden leicht unterschätzt. Zwar können sie im Stehen dösen und auch Tiefschlafphasen erreichen. Der wichtige REM-Schlaf findet jedoch nur im Liegen statt. Dafür braucht ein Pferd Sicherheit, ausreichend Platz, einen trockenen verformbaren Untergrund und Ruhe.
Fehlt diese wichtige Erholung über längere Zeit, kann es zur sogenannten Pseudonarkolepsie kommen: Das Pferd sackt im Stehen weg, weil die Muskulatur plötzlich vollständig entspannt. Verletzungen an Fesselköpfen oder Karpalgelenken können Hinweise auf solche Zusammenbrüche sein. Oft wird erst spät erkannt, dass die Pferde unter chronischem REM-Schlafmangel leiden.
Wer unsicher ist, ob sein Senior ausreichend im Liegen schläft, sollte Menschen im Stall gezielt fragen, auf Liegespuren achten, Schweif im Stroh oder eine zeitlang eine Kamera aufhängen.
Schonkost oder Seniorenteller?
Auch bei der Rationsgestaltung älterer und alter Pferde muss differenziert werden: Ist der Senior zu dick oder zu dünn? Frisst er mit Appetit? Kann er Heu noch ausreichend kauen? Verliert er Muskulatur? Gibt es Erkrankungen wie PPID, also eine hormonelle Störung der Hirnanhangsdrüse, Hufrehe oder EOTRH, eine schmerzhafte Zahnerkrankung, die bei der Ration berücksichtigt werden müssen?
Grundlage bleibt hochwertiges Raufutter – solange das Pferd es aufnehmen und verwerten kann. Fallen Heuwickel aus dem Maul, bleiben lange Fasern in den Pferdeäpfeln sichtbar oder nimmt ein Pferd trotz ausreichender Menge Raufutter ab, sollten Zähne und Futterverwertung überprüft werden.
Wer genau wissen möchte, wie viel Heu sein Pferd frisst, kann abends die angebotene Menge wiegen und morgens die Reste erneut wiegen. Dann zeigt sich in der Differenz, was aufgenommen wurde und ob die Ration eventuell angepasst werden muss.
Kann ein Pferd Heu nicht mehr ausreichend kauen, können eingeweichte Heucobs oder andere geeignete Raufutterersatzprodukte eingesetzt werden. Entscheidend ist der individuelle Bedarf: Ein magerer Senior mit Zahnproblemen braucht etwas anderes als ein übergewichtiges Pferd mit Stoffwechselproblemen. Rationen sollten deshalb am besten fachlich abgestimmt werden.
Trotzdem sollte man das Bedürfnis nach Fressen und Kauen nicht unterschätzen. Pferde verbringen viele Stunden mit der Futteraufnahme. Sie suchen, zupfen, sortieren, kauen – und beschäftigen sich damit. Selbst wenn Heu ernährungsphysiologisch kaum noch zur Versorgung beiträgt, kann strukturiertes Futter für das Wohlbefinden wichtig sein.
Trinken im Blick behalten
Bei Senioren lohnt sich ein besonders genauer Blick auf die Wasseraufnahme – vor allem im Winter, bei Zahnproblemen oder wenn eingeweichte Futtermittel gefüttert werden. Wie viel Wasser aufgenommen wird, lässt sich im Alltag oft nur schwer beurteilen.
Das Tränken aus einem Wassereimer hilft, die Menge besser einzuschätzen. Außerdem kommt er dem natürlichen Trinkverhalten entgegen: Pferde sind Saugtrinker und nehmen Wasser in langen Zügen gern von einer stehenden Oberfläche auf. Kleine Selbsttränken mit Druckzunge entsprechen diesem Trinkverhalten weniger gut und werden von manchen Pferden schlechter angenommen.
Ein Pferd nimmt pro Tag etwa 30 bis 45 Liter Wasser auf. Bei Hitze, Arbeit, trockenem Futter oder Krankheit kann der Bedarf deutlich steigen.
Trinkt ein Pferd zu wenig, lohnt sich der Blick auf die Selbsttränke: Ist sie sauber? Ist sie gut erreichbar? Stimmt die Durchflussgeschwindigkeit? Ist das Wasser frisch und von guter Qualität? Im Winter kann angewärmtes Wasser dazu beitragen, dass das Pferd mehr Wasser aufnimmt. Auch etwas Apfelsaft oder eine kleine Menge Futter im Wasser kann die Aufnahme fördern; klares Wasser sollte trotzdem immer zusätzlich angeboten werden.
Bewegung, die guttut
Alte Pferde brauchen passende Bewegung. Ruhestand bzw. Stillstand hilft den wenigsten. Regelmäßige, maßvolle Bewegung unterstützt Kreislauf, Stoffwechsel, Darmtätigkeit, Beweglichkeit und Muskulatur. Sie hilft aber auch, Körpergefühl und Sicherheit zu erhalten – gerade bei Pferden, die Beweglichkeit und Kraft verlieren.
Ob ein Pferd noch geritten werden kann, entscheidet sein Zustand. Beweglichkeit, Bemuskelung, Atmung, Belastbarkeit und Schmerzfreiheit sollten ehrlich beurteilt werden. Ein regelmäßiger tierärztlicher Check kann helfen, das Pensum sinnvoll anzupassen.
Ist Reiten weiterhin möglich, profitieren ältere Pferde von längeren Aufwärmphasen im Schritt, großen gebogenen Linien, Übergängen, Stangenarbeit oder kleinen Aufgaben im Gelände. Hügel, wechselnde Böden oder Baumreihen für Slalomlinien lassen sich auch auf einem Spaziergang nutzen.
Absatteln für immer
Irgendwann wird der Punkt kommen, an dem Reiten nicht mehr guttut. Das ist oft schwerer für den Menschen als für das Pferd. Denn Reiten gehört zur gemeinsamen Geschichte, zur Routine und zu dem Gefühl, miteinander etwas zu tun. Doch wenn ein Pferd auffällig lange braucht, um sich einzulaufen, häufiger stolpert, den Rücken wegdrückt, mit dem Schweif schlägt, nicht mehr antraben mag oder nach der Arbeit erschöpft wirkt, sollte man das Reiten überdenken.
Das bedeutet nicht, dass der Senior „abgestellt“ werden soll. Gerade bei Arthrosen und anderen altersbedingten Einschränkungen bleibt angepasste Bewegung wichtig. Sie kann Beweglichkeit, Muskulatur und Kreislauf unterstützen. Voraussetzung ist, dass Schmerzen abgeklärt und Belastung, Dauer und Bodenverhältnisse angepasst werden.
Die Beziehung zum Pferd verändert sich, wenn das Pferd älter wird – Bodenarbeit, Führtraining, Stangen im Schritt, kleine Hügel oder wechselnde Untergründe bringen Abwechslung und schaffen gemeinsame Momente. Manchmal reichen auch ein paar achtsame Minuten beim Putzen.
Wichtig bleibt: Das alte Pferd muss nichts mehr beweisen. Aber es darf weiter gefragt, beschäftigt und gesehen werden.
Das Alter akzeptieren
Im Alter wird manches beschwerlicher. Umso wichtiger ist ein Umfeld, das Veränderungen früh erkennt und gemeinsam reagiert: Tierarzt, Therapeut, Hufbearbeiter, Stallbetreiber und Pferdehalter sollten im Idealfall in einem guten Austausch sein.
Altwerden lässt sich nicht aufhalten. Aber es lässt sich gut begleiten: mit Wissen, Geduld und dem Mut zu Veränderung. Dann wird diese Lebensphase nicht nur eine Phase des Abschieds, sondern auch eine Zeit besonderer Nähe.
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Buchtipp
Mein altes Pferd: gut versorgt, beweglich, lebensfroh
Alte Pferde brauchen keine Patentrezepte, sondern Menschen, die genau hinsehen. Mein altes Pferd zeigt, woran sich Veränderungen erkennen lassen, wann Anpassungen in Haltung, Fütterung oder Bewegung sinnvoll sind und wie Lebensqualität im Alter erhalten werden kann. Das Buch ist fachlich fundiert, verständlich geschrieben und nah an den Fragen, die Besitzer alter Pferde im Alltag beschäftigen. Grundlage sind Gespräche mit Tierärzten, Wissenschaftlern, Therapeuten und Praktikern.
Sabine Heüveldop: Mein altes Pferd. Gut versorgt, beweglich, lebensfroh
Müller Rüschlikon Verlag, 2022
176 Seiten, 150 Abbildungen, kartoniert
ISBN: 978-3-275-02239-7