Angelegte Ohren, gebleckte Zähne, Tritte gegen die Boxentür – Stress bei der Fütterung bedeutet für Pferde zum einen akute Verletzungsgefahr, zum anderen kann er langfristig auch auf die Gesundheit schlagen.
Futterneid ist ein natürliches Sozialverhalten, denn die Nahrungsaufnahme ist nunmal eines der elementarsten Dinge im Leben. Klar: Es geht darum, das eigene Futter vor Mitstreitern zu verteidigen. Der Kampf um Nahrung dient bei Pferden aber auch dazu, die Rangordnung festzulegen: Wer höher steht, kann sich durchsetzen und darf zuerst oder eben mehr fressen.
In freier Wildbahn ist kein Futterneid zu beobachten. Das liegt zum einen daran, dass jedes Pferd dort rund um die Uhr fressen kann, wann immer es will. Zum anderen haben Pferde draußen genug Platz. Es genügt deshalb meist ein leichtes Drohen, mit dem ranghohe Pferde ihre Stellung in der Herde untermauern und sich die beste Position zum Fressen sichern. Damit ist die Sache auch schon aus der Welt geschafft.
Eine Frage des Abstands
In unserer modernen Pferdehaltung gibt es jedoch oft bestimmte Futterzeiten anstatt Heu ad libitum – also eine deutliche Verknappung des Futterangebots für den Dauerfresser Pferd. Außerdem werden Pferde in der Regel auf engerem Raum gehalten. Und genau das wird zum Problem, denn gerade beim Thema Futter legen Pferde wert auf einen gewissen Sozialabstand. Extremer Futterneid wird meist durch die Haltung provoziert: In den meisten Fällen liegt massives Drohverhalten an der erzwungen Nähe zum Boxennachbarn. Wird der Sozialabstand unterschritten, kommt es zu Auseinandersetzungen in Form von Drohungen, Beißen, Treten, etc.
Dieser Individualabstand ist manchmal etwas kleiner und manchmal etwas größer, beträgt aber in der Regel ein bis zwei Pferdelängen. Um Futterneid zu vermeiden, ist die erste Maßnahme also, Heu- und Futterraufen so umzustellen, dass genügend Platz dazwischen vorhanden ist. Im Stall ist es besser, die Tröge nicht an Boxentrennwänden anzubringen, da dort der Abstand zum Nebenpferd der kleinstmöglich ist, sondern lieber mittig an der Front- oder Rückwand. So können alle Pferde ihren Individualabstand einhalten.
Wenn zwei Pferde sich schlicht nicht mögen, kann auch das Umstellen in eine andere Box eine Verbesserung bringen, möglichst neben ein befreundetes Pferd. Es kann auch helfen, den Sichtkontakt zu verhindern.
Im Offenstall ist es für eine friedliche Futteraufnahme entscheidend, dass die Pferde genug Platz haben. Wird im Auslauf Raufutter gefüttert, bieten sich lange oder runde Raufen an, am besten mit Fressschutzgittern. Grundsätzlich sollte für jedes Pferd in der Gruppe ein Fressplatz zur Verfügung stehen, sodass es auch rangniedrigen Tieren jederzeit möglich ist, sich mit Raufutter zu versorgen. Runde Raufen haben den Vorteil, dass sich die Hinterteile der Pferde fächerförmig verteilen und damit weiter auseinanderstehen als bei viereckigen Raufen.
Viele verschiedene Heuhaufen auszulegen, macht nicht in jeder Herdenkonstellation Sinn. Es kann zwar hilfreich sein, wenn sich Pferde auf die verschiedenen Futterstellen verteilen. Häufig wandern die ranghohen Pferde dann aber rastlos von einer Futterstelle zur anderen, um die rangniedrigen von dort zu vertreiben.
Gesundheitliche Probleme
Bei sehr futterneidischen Pferden steigen Pulsschlag und Cortisolspiegel an – sie haben massiven Stress, und das mehrmals täglich. Das Problem: Stress hat Auswirkungen auf die Gesundheit des Pferdes; er kann krank machen. So wird durch Stress zum Beispiel der Fluchtinstinkt aktiviert, was ein sehr belastender psychischer Zustand ist, in dem das Pferd starke Anspannung und Druck spürt, aber in der Regel nicht weg kann. Das das kann zu schreckhaftem und hektischem Verhalten führen.
Stress beeinflusst, genau wie beim Menschen, auch das allgemeine Wohlbefinden und kann zu Verspannungen und Schmerzen führen. Er schlägt aber auch regelrecht auf den Magen: Bei Stress werden nämlich die Zellen in der Magenwand nicht mehr ausreichend durchblutet und bilden weniger schützenden Schleim. Dann ist die Magenschleimhaut der Magensäure ausgesetzt, es kann zu Reizungen, Koliken und Magengeschwüren kommen. Außerdem schlingen futterneidische Pferde ihr Futter gierig herunter, was die gesamte Verdauung negativ beeinflusst. Zusätzlich bleibt das Kaubedürfnis unbefriedigt, was wiederum zu neuem Stress führt – ein Teufelskreis.
Abhilfe können mehrere kleine Futterportionen über den Tag verteilt schaffen, oder natürlich der ständige Zugang zu Raufutter, sofern das die Figur verträgt. Für Pferde, die dadurch zu dick werden, eignen sich Slowfeeder und engmaschige Heunetze.
Auch wichtig für die innere Ruhe: Generell löst ein Pferd, das gerade frisst, bei anderen Pferden immer den Wunsch aus, auch zu fressen. Damit bei der Fütterung Frieden im Stall herrscht, ist es also wichtig, dass alle Pferde gleichzeitig gefüttert werden. Gibt es ein speziell futterneidisches Pferd, sollte es nicht als letztes gefüttert werden, der Hafer sollte nicht direkt vor seiner Box gequetscht werden, und es wäre schlicht fies, wenn der Futtermeister ausgerechnet vor seiner Box einen Plausch mit dem Stallnachbarn hält.
Immer die gleiche Futterzeit
Und noch etwas: Die innere Uhr der Pferde ist sehr genau! Wenn man sich an regelmäßige Fütterungszeiten hält, erspart man dem Pferd steigende Erregung beim Warten auf das Futter. Wird die gewohnte Fütterungszeit überschritten, bedeutet das nämlich ebenfalls Stress für die Tiere. Das hat nun sogar eine slowenische Studie erwiesen („The Effect of an Irregular Feeding Schedule on Equine Behavior“).
„Wenn Pferde zur Futterzeit scharren, gegen die Boxenwand treten, mit den Zähnen über Gitterstäbe schleifen und die Ohren anlegen, sollte man das nicht alls Unart abtun, denn es handelt sich um Signale, mit denen Pferde zum Ausdruck bringen, dass das Warten auf ihr Futter für sie massiven Stress bedeutet“, sagt Wissenschaftlerin Manja Zupan von der Universität Ljubljana. „Derartige Auffälligkeiten sind in erster Linie Zeichen von Frustration und mangelndem Wohlergehen. Es ist schlicht stressig für ein Pferd, auf sein Futter warten zu müssen.“
Interessant: In der Studie zeigten sich individuelle Unterschiede unter den Tieren, wie flexibel sie sich an Veränderungen anpassen können. Das ist ähnlich wie beim Menschen: Der eine wird unausstehlich, wenn er Hunger hat, der andere kann eine Diät gut aushalten.
Es gibt dabei aber einen Unterschied: Der Mensch entscheidet selbst, wann er isst. Das vom Menschen gehaltene Pferd muss sich bei der Nahrungsaufnahme zwangsläufig anpassen und ist der Situation ausgeliefert. Keine Möglichkeit zu haben, an einem unangenehmen Zustand selbst etwas verändern zu können, ist ein nicht zu unterschätzender Stressfaktor, sagen die Forscher. „Tiere und Menschen wollen ihre Umwelt kontrollieren und sich auf Dinge verlassen können, die ihre tägliche Leistungsfähigkeit und ihr Überleben stark beeinflussen“, so Zupan. Und Futter fällt eindeutig in diese Kategorie!
Wurde im Rahmen der Studie die Kraftfutterration eine Stunde früher als gewohnt verabreicht, waren die Tiere, die in ihren Boxen allesamt Heu ad libitum zur Verfügung hatten, kürzer mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt und fraßen insgesamt weniger, bevor sie den routinemäßigen Koppelgang antraten. „Sie waren einfach noch nicht richtig wach“, so Zupan. Deutlich unangenehmer wurde es für die Pferde aber, wenn das Futter mit einstündiger Verspätung im Trog landete. Das signalisierten sie durch Scharren, gegen die Boxentüre treten und wiederholten Blicken zur Tür.
Wer unnötigen Fütterungs-Stress für sein Pferd vermeiden will, sollte ihm also unbedingt den notwendigen Sozialabstand ermöglichen und sich möglichst genau an die gewohnten Fütterungszeiten halten. Füttern Sie im Notfall besser etwas früher als später. Denn die innere Uhr eines Pferdes ist äußerst präzise – vor allem wenn es ums Fressen geht.
Anna Castronovo
www.pferdekrimi.de