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Der Sperrriemen: Umstrittenes Riemchen

Ein kleines Riemchen spaltet seit Jahren die Reiterwelt und lässt die Emotionen regelmäßig hochkochen: Der Sperrriemen. Die Firma Hillbury hat ihn bei ihren Trensen nun abgeschafft und stößt damit auf begeisterte Resonanz. Ist der umstrittene Riemen endgültig überholt?
Der Sperrriemen sorgt seit Jahren für hitzige Diskussionen. Tierquälerei, sagen die einen: Der Riemen sei nur dazu da, um das Maul zuzuschnüren und hindere das Pferd am Kauen, Schlucken und freien Atmen. Die andere Seite argumentiert dagegen: Der Sperrriemen sei eine sinnvolle und pferdefreundliche Ausrüstung, um das Gebiss im Maul ruhiger zu halten und den Druck der Zügelhilfen besser zu verteilen.
Tatsächlich diente der Sperrriemen ursprünglich dazu, Kieferbrüche zu vermeiden. Er wurde jeweils links und rechts von innen nach außen durch die Gebissringe verschnallt und durch eine Schlaufe am Nasenband gezogen. So wurde der Zug auf das Gebiss abgemildert und der Druck an den Nasenrücken weitergegeben. Außerdem wurde der Kiefer damit fixiert. Zunächst wurde er für den Rennsport entwickelt, kam dann aber auch im Krieg zum Einsatz. Der Grund dafür: Auch Reitanfänger mussten zu Pferde an die Front ziehen. Gerade beim Sprung über den Schützengraben rissen sie zum Teil die Lederzügel hoch, um auf der anderen Seite wieder passabel zu landen. Zudem stürzten auf dem Schlachtfeld viele Pferde mit weit aufgerissenen Mäulern. Angeblich verringerten sich die Kieferbrüche durch den Sperrriemen damals um 80%. Im Krieg hatte er also als Schutz gegen ungeübte Reiterhände und aufgesperrte Pferdemäuler durchaus seine Berechtigung.


Nasenriemen sorgt für Druckverteilung
Heute wird der Sperrriemen anders verschnallt; er läuft einfach nur einmal um das Maul herum. Für die Druckverteilung ist deshalb in erster Linie der Nasenriemen zuständig. Das funktioniert so: Wenn beim Reiten über den Zügel mit dem Gebiss Druck auf Laden, Zunge und Maulwinkel ausgeübt wird, gibt das Pferd mit dem Unterkiefer nach. Ist es mit einem Reithalfter gezäumt, wird der Druck durch den nachgebenden Unterkiefer über den Nasenriemen an den Nasenrücken weitergegeben.
Eine Studie dänischer und amerikanischer Wissenschaftler, für die letztes Jahr in Dänemark 3000 Turnierpferde auf Maulverletzungen untersucht wurden ergab, dass die pferdefreundlichste Reithalfter-Variante tatsächlich ein korrekt angepasster Nasenriemen ist. „Pferde, die keinen Nasenriemen trugen, hatten deutlich mehr Läsionen an den Maulwinkeln, als solche mit locker verschnalltem“, heißt es dazu. Der Nasenriemen scheint das empfindliche Maul also wirklich zu schützen.
Der Knackpunkt: Der Nasenriemen muss nach der Zwei-Finger-Regel verschnallt werden (siehe Kasten). Denn die Studie zeigte leider auch, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Verletzungen der Mundhöhle und zu eng verschnallten Nasenriemen gibt. Es stellte sich übrigens auch heraus, dass die Wahrscheinlichkeit für Verletzungen im Maul größer war, wenn die Reiter-Pferd-Paare bereits auf höherem Niveau im Sport unterwegs waren.
Der Nasenriemen kann also, richtig verschnallt, durchaus pferdefreundlich wirken. Der Sperrriemen spielt, was die Druckverteilung angeht, allerdings keine große Rolle. Er kann höchstens zu einer etwas ruhigeren Lage des Gebisses im Maul beitragen. Pferde-Osteopathin Corinna Dicks sagt dazu: „Ist der Sperrriemen locker verschnallt, hat er keine negativen Auswirkungen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass er dann als Druckverteiler dient und das Gebiss ruhig im Maul hält. Dagegen hält ein fest verschnallter Sperrriemen das Gebiss ganz klar ruhiger, es hat ja durch das zusammengepresste Pferdemau, gar keine Möglichkeit, sich nach Außen hin zu bewegen.“ Das ist aber natürlich nicht Sinn der Sache, denn ein zu fest verschnallter Sperrriemen schadet dem Pferd erheblich (siehe Kasten).
„Die eigentliche Frage ist doch, warum das Gebiss unruhig im Pferdemaul liegt“, mahnt Dicks. „Reiter, die nicht gelernt haben, ihre Hände unabhängig zu tragen, sollten an ihrem Sitz arbeiten. Und bei Pferden, die gelernt haben, dass sie sich durch Maul-aufsperren oder Zunge-über-das-Gebiss-legen der festen Reiterhand entziehen können, sollte das Reiten auf Trense noch einmal ganz neu geübt werden.“ Die Osteopathin sagt ganz klar: „Das Gebiss sollte durch eine sensible Reiterhand ruhig im Maul gehalten werden, nicht durch Hilfsmittel.“

Zu enger Sperrriemen
„Leider kann ein festgezurrter Sperrriemen vielerlei Nachteile mit sich bringen“, sagt Lara Van Oost, Geschäftsleiterin der Firma Hillbury. Im Juni gab das Buxtehuder Unternehmen bekannt, dass es ab sofort die Produktion von Trensen mit Sperrriemen einstellt. „Hintergrund ist, dass diese leider häufig dazu verwendet werden, Reiterfehler zu kaschieren: Wenn das Pferd aufgrund einer zu harten Hand das Maul aufsperrt, kann es der Reiter damit einfach zuschnüren. Bei einer weichen Hand sollte das Pferd eigentlich gar keinen Grund haben, sich durch Aufsperren des Maules gegen das Gebiss zu wehren.“ Die Entscheidung von Hillbury stieß auf eine unglaubliche Resonanz. Die Mitteilung des Unternehmens auf Facebook erhielt in drei Tagen 2.400 Likes mit teils berührenden Kommentaren.
Die Geschäftsleiterin erklärt ihre Entscheidung so: „Nur ein Pferd, welches kauen kann, ist auch in der Lage, die gesamte Hals- und Rückenmuskulatur loszulassen. Wird der Kiefer jedoch fixiert, hält das Pferd auch die umliegenden Muskeln fest. Ist deren natürliche Stoßdämpfer-Funktion nicht gewährleistet, müssen Wirbelsäule und Gelenke bei jedem Schritt das abfangen, was sonst die Muskulatur ausgeglichen hätte. Die Folgen: Prellungen und Gelenkschäden. Festgehaltene Kiefergelenke führen außerdem zu einem festgehaltenen Genick, und das bringt wiederum Blockaden an den Halswirbeln mit sich.“ Das ist in etwa so, als würden wir einen Dauerlauf mit zusammengebissenen Zähnen machen.
„Um den Druck des Gebisses auf den Gaumen auszugleichen, öffnet das Pferd beim Reiten normalerweise leicht das Maul“, erklärt Van Oost weiter. „Das kann es aber nicht, wenn es mit einem zu fest verschnallten Sperrriemen zugeschnürt ist. An der Stelle, an der das Trensengebiss dann gegen den Gaumen drückt, sitzen Nervenrezeptoren, die den Schluckreflex unterbinden und den Deckel des Kehlkopfes blockieren. Dadurch speichelt das Pferd ein.Wenn das Maul schäumt, ist das also in erster Linie ein Zeichen dafür, dass das Pferd seinen Speichel nicht abschlucken kann – aber noch lange kein Hinweis darauf, dass das Pferd korrekt durchs Genick geht oder losgelassen läuft.“ Auch das kann jeder an sich selbst ausprobieren: Wenn man einen Löffel an den Gaumen drückt, kann man seinen Speichel nicht mehr abschlucken und es entsteht ein Würgereiz. Das ist alles andere als angenehm. Und noch etwas: Speichelt das Pferd, ohne dass es schlucken kann, wird auch die Atmung behindert.
„Am ganzen Pferdekopf verlaufen zudem empfindliche Nerven“, sagt die Geschäftsführerin von Hillbury weiter. „Deshalb ist es auch so wichtig, dass jede Zäumung korrekt sitzt. Genau dort, wo der Sperrriemen liegt, befindet sich die Austrittsstelle eines empfindlichen Nervs, dem Nervus mentales, der für die Haut, die Muskulatur, die Schleimhaut der Unterlippe sowie für das Kinn zuständig ist. Wir dieser gereizt, kann das zu massiven Schmerzen führen.“

Wissenschaftliche Studien
Mit seiner Entscheidung hat das Unternehmen im Juni die Konsequenz aus jahrelangen Diskussionen und wissenschaftlichen Studien zum Thema gezogen. Bereits 2009 untersuchte Friederike Uhlig die Lage der verschiedenen Trensengebisse im Pferdemaul bei Einwirkung unterschiedlichen Zügelzugs. Dabei spielten auch verschiedene Reithalfter eine Rolle: „Die korrekte Verschnallung, die dem Pferd das Öffnen des Kiefers ermöglicht, sollte selbstverständlich sein. So wäre das Reithalfter auch nicht als Zwangsinstrument anzusehen, sondern gewährleistet durchaus einen gewissen Schutz des Pferdemauls, weil der Druck des Gebisses auf das Maul und den Nasenrücken verteilt wird. Im Reitsport wird diese Regel heutzutage leider oft missachtet, und mit Hilfe flaschenzugartiger Reithalfter wird das exzessive Zuschnüren der Pferdemäuler noch unterstützt“, heißt es in der Zusammenfassung.
2010 untersuchten Kathrin Kienapfel und Holger Preuschoft die Verschnallung von Sperrriemen und Nasenriemen. Das Ergebnis: „Überflüssiges Riemenwerk verleitet zu Fehlinterpretationen von dessen Wirkung. Alle Reitlehren fordern für das Pferd die Möglichkeit des Kauens am Gebiss. Das ist aber nur möglich, wenn die Kiefer voneinander entfernt werden können. Genau das verhindern zu eng geschnallte Reithalfter.“ Wichtig: Ob Nasen- und Sperrriemen locker genug verschnallt sind, muss immer auf dem knöchernen Nasenrücken überprüft werden. „Das ist zuverlässiger als eine Überprüfung am Unterkiefer“, heißt es in der Studie. Und: „Eine Überprüfung an der Seite des Kopfes ist ohne jeden Informationswert.“
Was oft vergessen wird: „Es ist unerheblich, ob der Sperrriemen oder der Nasenriemen zu fest angezogen ist. Maßgebend ist der enger verschnallte Riemen.“ Das gilt übrigens für alle Reithalfter: „Die Kombination aus englischer und hannoverscher Verschnallung des Reithalfters bringt keinerlei messbaren Unterschied gegenüber den einfachen Nasenriemen, gleich welcher Form mit sich, sondern ist reine Modesache. Wie Preuschoft et al. (1999) gezeigt haben, besteht der einzige Unterschied zwischen der kombinierten Zäumung und den einfacheren Varianten darin, dass die am Unterkiefer wirkenden Kräfte auf zwei Stellen verteilt und nicht in einem Riemen konzentriert wirken.“
Das Plädoyer muss also lauten, weder Nasenriemen noch Sperrriemen zu eng zu verschnallen, sondern sich konsequent an die Zwei-Finger-Regel zu halten – und zwar auf dem knöchernen Nasenrücken gemessen! Denn ist der Nasenriemen zu locker verschnallt, funktioniert die Druckverteilung nicht. Ist er festgezurrt, hat er zahlreiche negative Auswirkungen. Und der Sperrriemen? Wenn der locker verschnallt nahezu sinnlos ist, und zu eng angezogen solchen Schaden anrichtet, kann man ihn dann nicht einfach weglassen? Die Firma Hillbury hat dazu ganz klar “Ja!“ gesagt.


Anna Castronovo, www.pferdekrimi.de