Pferde leiden lautlos. Sie können ihren Schmerz nicht so ausdrücken, wie wir es gewohnt sind, denn sie haben keinen Schmerzlaut wie jaulen, schreien, winseln, jammern oder wimmern. Deshalb müssen wir Menschen lernen, die Schmerzäußerungen unserer Pferde wahrzunehmen.
Dass Pferde stumm leiden liegt daran, dass sie in freier Wildbahn sonst bei einer Verletzung den Feind sofort darauf aufmerksam machen würden, dass sie leichte Beute sind. Selbst unter starken Schmerzen, etwa während einer Geburt, bei einer akuten Kolik oder Hufrehe, entkommt Pferden deshalb höchstens ein Stöhnen oder Ächzen, bei Fohlen hört man manchmal ein Quieken. Das ist im Vergleich zu den Schmerzäußerungen, die wir Menschen kennen, sehr wenig – daher unterschätzen wir das Leiden unserer Pferde oft.
„Pferde drücken ihr Unbehagen anders aus, nämlich durch ihre Körpersprache und Mimik“, sagt Wissenschaftlerin Sandra Löckener. Eine aktuelle Studie („Equine Facial Action Coding System for determination of pain-related facial rsponses in videos of horses“, März 2020) hat sich mit der Mimik bei Schmerzen beschäftigt. „Beim sogenannten Schmerzgesicht fehlt das Ohrenspiel, die Ohren stehen starr nach hinten oder hängen seitlich herab“, fasst sie zusammen. „Die Augen sind entweder weit geöffnet oder klein und eingefallen mit verzweifeltem oder abwesend glasigem Blick. Die Nüstern sind schmal oder extrem gebläht, die Gesichtsmuskeln sind meist deutlich angespannt mit verhärteter Lippenpartie und zum Teil aufgestütztem oder hängendem Kopf. Auch häufiges Gähnen kann ein Zeichen von Schmerzen sein.“
Deutliche Anhaltspunkte für Schmerzen sind auch Veränderungen in der Bewegungsaktivität und in den Bewegungsabläufen. Je nach Grad des Schmerzes und Art der Erkrankung oder Verletzung kann sich die Aktivität steigern oder reduzieren. So deutet plötzliche Ruhelosigkeit mit häufigem Niederlegen, Wälzen, Hin- und Hertreten, Scharren, Aufstampfen, Schweifschlagen, Umschauen oder Treten nach dem Bauch – wie es häufig bei einer Kolik zu sehen ist – genauso auf Schmerzen hin wie steife, unkoordinierte Bewegungsabläufe, Lahmen oder häufiges Liegen. Auch unnatürliche Körperhaltungen mit Muskelverspannungen, Zuckungen, Krämpfen und Zittern oder ungewöhnliche Beinstellungen wie Vor- oder Zurückstellen sowie Anheben der Beine gehören zu den Schmerzäußerungen des Pferdes. Auch Zähneknirschen kann Ausdruck erheblicher Schmerzen sein.
„Auch plötzliche Verhaltensänderungen können auf Schmerzen hinweisen“, sagt die Biologin. „Je nach Charakter des Pferdes sowie Art und Dauer der Schmerzen werden einige Tiere ungewöhnlich aggressiv, während andere sich eher zurückziehen und apathisch wirken.“ Auch kann sich die Rangordnung in der Gruppenhaltung ändern, weil rangniedere Tiere die Schwäche des Ranghöheren ausnutzen. Auf der anderen Seite kann man jedoch beobachten, dass befreundete Pferde einander nicht von der Seite weichen, wenn eines erkrankt oder verletzt ist.
Schmerzerkennung per Computer?
Auch das Team der Nottingham Trent University hat ein internationales Gemeinschaftsprojekt ins Leben gerufen, das ein besseres Verständnis der Schmerzhaftigkeit bestimmter Erkrankungen ermöglichen soll. Ziel ist es, Pferde durch die verbesserte Schmerzbeurteilung besser behandeln und den Genesungsprozess effizienter gestalten zu können. Dazu soll die Beurteilung automatisiert werden. Derzeit trainiert das Team einen Computer, der im Pferdegesicht sichtbar werdende Schmerzreaktionen registrieren und aufzeichnen soll. Das Gerät analysiert Videos von Pferden, die kürzlich eine Operation hinter sich gebracht haben oder sich von einer Krankheit erholen. Die Veränderungen, die sich im Pferdegesicht vor, während und nach der Behandlung mit schmerzlindernden Maßnahmen abzeichnen, dienen dem Computer als Hinweis auf die Schmerzentwicklung.
Weil das System in der Lage ist, viel subtilere Schwankungen als das menschliche Auge zu registrieren, hoffen die Forscher, mehr darüber zu erfahren, wie Pferde ihren Schmerz ausdrücken und wie sich dieser je nach Pferdepersönlichkeit unterscheidet. „Auf diese Weise können wir lernen, wie schmerzhaft bestimmte Zustände wirklich wahrgenommen werden und wie effektiv Schmerzmittel oder -behandlungen wirken“, sagt Dr. Carrie Ijichi, Dozentin an der School of Animal, Rural and Environmental Sciences der Nottingham Trent University.
Sollte sich das System als hilfreich erweisen, sieht das Forscherteam seinen Einsatz nicht auf den tierärztlichen Gebrauch beschränkt. „Wenn die Technologie besser entwickelt ist, hoffen wir, dass sie irgendwann auch von jedermann zu Hause genutzt werden kann, um Schmerzzustände unterschiedlicher Ausprägung beim Pferd zuverlässig identifizieren zu können – möglicherweise sogar während das Pferd geritten wird.“
Hat das Pferd ein Schmerzgedächtnis?
Der Mensch hat ein sogenanntes Schmerzgedächtnis. Das bedeutet, dass das Gehirn bei lang andauerndem Schmerz dieses Empfinden erlernt und der Schmerz fühlbar bleibt, obwohl die Ursache gar nicht mehr vorhanden ist. Das extremste Beispiel dafür sind Phantomschmerzen bei amputierten Gliedmaßen. Auch bei Pferden hört man immer wieder, sie seien kerngesund und würden sich nur an den Schmerz erinnern. Stimmt das?
„Pferde haben kein Schmerzgedächtnis wie Menschen“, stellt Sandra Löckener klar. Aber: Anhaltende oder sich wiederholende Schmerzen können zu Veränderungen im Nervensystem führen und die Schmerzempfindlichkeit steigern. Das nennt man Wind-Up-Effekt. „Bei Entzündungen oder Verletzungen werden Schmerzreize über das Nervensystem ans Gehirn weitergeleitet. Dann kommt ein Enzym ins Spiel, die sogenannte Cyclooxigenase, und Botenstoffe werden ausgeschüttet, welche die Schmerzsignale verstärken. So wird die Empfindung des Schmerzes immer stärker“, warnt die Wissenschaftlerin. „Es ist deshalb sehr wichtig, diesen Mechanismus durch eine Therapie – also Schmerzmittel – und vor allem durch die Behebung der Ursache zu unterbrechen.“ Ein Beispiel, das Löckener schon mehrmals erlebt hat, ist die Umstellung von Hufeisen auf Barhuf. „Die Pferde laufen dann einige Zeit lang fühlig, und die Besitzer haben oft über Monate hinweg die Ansicht, die Tiere müssten da durch, damit sie sich an das neue Gefühl gewöhnen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Das Pferd empfindet den Schmerz als immer schlimmer.“
Auch wichtig: „Beurteilen Sie als Besitzer den Schmerz ihres Pferdes nicht subjektiv. Wenn man sich als Mensch vorstellt, wie das Pferd empfindet, kommt man oft auf falsche Schlussfolgerungen und trifft falsche Entscheidungen für das Pferd“, rät Löckener. Zögern Sie deshalb nicht, mit ihrem Tierarzt über eventuelle Schmerzen und mögliche Therapien zu sprechen. Aber Achtung: Geben Sie keinesfalls in Eigenregie Schmerzmittel! Eigentlich ist Schmerz nämlich ein sinnvoller Schutzmechanismus und dient dazu, die Ursachen, also eine Verletzung oder Erkrankung, nicht zu verschlimmern. Kein Pferd, dem das Bein wehtut, wird über die Koppel galoppieren und seinen Schmerz dadurch vergrößern. Deshalb sollen Pferde bei bestimmten Verletzungen, bei denen sie etwa ein verletztes Bein schonen sollen, auch keine Schmerzmittel bekommen, denn das kann den Heilungsprozess verzögern oder negativ beeinflussen. Wenn es allerdings um Erkrankungen geht, für die Bewegung förderlich oder notwendig ist, wie etwa Arthrose, ist Schmerzmittel angezeigt. Das gilt auch für schmerzhafte Erkrankungen, bei denen das Pferd ohnehin Boxenruhe hat. Das kann aber eben nur ein Tierarzt entscheiden.
Vermeiden & vortäuschen
Ein anderes Phänomen ist das Vermeidungsverhalten. „Hat ein Pferd gelernt, dass ihm eine Bestimmte Situation Schmerzen verursacht, versucht es, diese in Zukunft zu vermeiden“, so Löckener. Hat ein Pferd also schlechte Erfahrung mit dem Hufschmied oder Tierarzt gemacht, wird es sich beim nächsten Mal an den erlebten Schmerz erinnern, sich aus Furcht verspannen und unter Umständen schon bei der kleinsten Berührung mit Abwehr reagieren – das ist vergleichbar mit einem Zahnarztbesuch beim Menschen.
Eines können Pferde aber mit Sicherheit nicht, und das ist Schmerzen vortäuschen. „Pferde können zwar mit Abwehr reagieren, sich beim Satteln wehren oder versuchen, den Reiter abzuwerfen, wenn sie beim Training Schmerzen empfinden. Ein vorausschauendes Lahmen, um dem Training zu entgehen, kann es aber nicht umsetzen. Dazu ist es kognitiv gar nicht in der Lage“, so Löckener. Zeigt ein Pferd also Schmerzsymptome, empfindet es auch tatsächlich Schmerzen.
Wie wir Menschen, erleben aber auch Pferde Schmerz sehr unterschiedlich. Das eine Tier ist empfindlich und zeigt sofort an, dass etwas nicht stimmt. Das andere ist hart im Nehmen und lässt sich nichts anmerken. Der individuelle Umgang mit Schmerz hängt vom allgemeinen Temperament ab – das haben britische Wissenschaftler der Queen’s University Belfast in einer Studie herausgefunden. Um sich einen Überblick über das individuelle Schmerzverhalten zu verschaffen, wurden dort 21 Pferde unterschiedlicher Rassen untersucht. Die Pferde zeigten entweder Bewegungseinschränkungen oder äußere Veränderungen an den Gliedmaßen, wie etwa eine Schwellung. Der tatsächliche Schweregrad des Problems wurde mittels üblicher klinischer Diagnoseverfahren ermittelt: Beugeproben, diagnostische Injektionen, Röntgen- und Ultraschall-Untersuchungen. Informationen zur Persönlichkeit ihrer Probanden erhielten die Wissenschaftler von den Pferdebesitzern, die die Gewohnheiten ihrer Tiere mittels Fragebögen dokumentierten.
Bei ihren Untersuchungen zeigte sich sehr bald, dass zwischen der Lahmheit selbst und dem tatsächlichen Schweregrad des Problems nur sehr bedingt ein Zusammenhang bestand. Großen Einfluss hatte hingegen die jeweilige Persönlichkeit des Pferdes. So zeigten Pferde, die aufgrund der Angaben ihrer Besitzer als nervös und extrovertiert eingestuft worden waren, weit schneller Schmerzen an und hatten eine deutlich geringere Schmerztoleranz als ihre gemütlicheren Kollegen mit stoischem Charakter. Wer also einen Stoiker im Stall stehen hat, sollte seine Augen besonders gut offenhalten und schon kleinste Hinweise seines Pferdes kritisch prüfen, damit er ernsthafte Probleme am Ende nicht übersieht.
Regelmäßig vorsorgen!
Diese Bandbreite an individuellen Reaktionen, Erfahrungen und prophylaktischen Abwehrreaktionen macht es umso schwerer, Schmerzen beim Pferd sicher festzustellen. Dazu kommt: Eindeutig sind die Hinweise eigentlich nur bei starken Schmerzen, während die Grenze zwischen Unbehagen und geringem Schmerz nicht selten fließend und kaum eindeutig zu ziehen ist. Oft fällt erst auf, dass es zwickt und zwackt, wenn der jährliche Termin beim Sattler, Physiotherapeuten oder Zahnarzt ansteht. „Pferdebesitzer fühlen sich dann oft schuldig und fragen sich, warum ihnen das nicht aufgefallen ist“, weiß Sandra Löckener aus Erfahrung. „Doch es ist wirklich schwierig, Schmerzen zu bemerken, die sich langsam einschleichen. In der Regel muss man sein Pferd, dessen spezifischen Reaktionen und Verhaltensweisen schon sehr genau kennen, um zum Beispiel zwischen Stress und Schmerz unterscheiden zu können.“ Nicht selten werden Schmerzsymptome auch als Ungehorsam verkannt. So kann Klemmen, Festmachen im Rücken, Bocken, Steigen oder Kopfschlagen beim Reiten auch auf ein Rücken- oder unentdecktes Zahnproblem hindeuten.
Die Lösung: Regelmäßig vorsorgen! Lassen Sie mindestens einmal im Jahr Sattel und Zähne überprüfen und ihr Pferd von einem Physiotherapeuten oder Osteopathen behandeln, auch wenn Sie noch keine offenkundigen Probleme bemerkt haben. Dann stehen die Chancen gut, dass sie den Schmerz bereits im Anfangsstadium erwischen und die Ursache beseitigen können, bevor sie zu größeren Problemen führt. „Das Wichtigste, um rechtzeitig zu bemerken, wenn das Pferd Schmerzen hat, ist es, sein Tier gut zu kennen und genau zu beobachten“, rät Sandra Löckener. „Schauen Sie lieber einmal zu viel hin als einmal zu wenig, und scheuen Sie sich nicht davor, auch im Zweifelsfall den Tierarzt zu rufen.“
Unsere Expertin:
Dr. Sandra Löckener hat in Tiermedizin promoviert und forscht als Wissenschaftlerin zum Thema Pferdegesundheit. Sie betreibt einen eigenen Reha-Stall und hat verschiedene Therapieprogramme entwickelt. Ihr Wissen teilt sie auf der Homepage www.vomkrankenzumgesundenpferd.de und in ihren Podcasts.
Anna Castronovo, www.pferdekrimi.de