Obwohl erwiesen ist, dass Koppen keine gesundheitlichen Schäden mit sich bringt, versuchen Pferdehalter noch immer, diese Verhaltensstörung um jeden Preis zu unterbinden – und das mit tierschutzrelevanten Mitteln.
Das Koppen gehört zu den wohl bekanntesten Verhaltensstörungen des Pferdes. Da immer noch viele Pferdehalter versuchen, diese Stereotypie, die früher sogar ein Gewährsmangel war, durch Kopperriemen, Strom oder Operationen zu unterbinden, hat sich die Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ende 2020 erschien das neue Merkblatt dazu, federführend bei der Erarbeitung war Tierärztin Dr. Christine Jahntz-Leschinsky. Ihr Appell: Nicht die Symptome bekämpfen, sondern die Ursachen abstellen!
Wie entsteht Koppen?
„Eine stereotype Verhaltensstörung entsteht, wenn das Pferd Bedingungen ausgesetzt ist, die es daran hindern, seine natürlichen Verhaltensmuster auszuleben“, erklärt Dr. Jahntz-Leschinsky. „An erster Stelle stehen dabei Einschränkungen in den Haltungsbedingungen und den sozialen Kontakten sowie eine nicht artgerechte Fütterung.“ Es überrascht nicht, dass der Anteil koppender Pferde in Boxeneinzelhaltung höher ist als in Gruppenhaltung. Denn: „Pferde sind artspezifisch in Gruppen lebende Tiere, für die soziale Kontakte zu Artgenossen unerlässlich sind. Sie haben auch ein ausgeprägtes Erkundungs- und Neugierverhalten. Durch die heutzutage größtenteils immer noch praktizierten, nicht artgemäßen Haltungsbedingungen wie Einzelhaltung, kein oder zu wenig Auslauf, reduzierte Sozialkontakte oder zu kurze Fresszeiten werden die Pferde in genau diesen, ihnen so wichtigen, natürlichen Verhaltensweisen erheblich eingeschränkt.“
Ein weiterer großer Aspekt: „Die Entstehung von Verhaltensstörungen ist auch auf die gängigen Fütterungspraktiken zurückzuführen, die das Bedürfnis des Pferdes nach einer kontinuierlichen Nahrungsaufnahme vernachlässigen“, so die Tierärztin. „Aber auch Fehler im Umgang, der Ausbildung und dem Training können zu erheblichem Stress und Frust führen.“ Und diesen Dauerstress baut das Pferd dann durch Koppen ab.
Dabei spannt es die vordere Halsmuskulatur an, sodass sich der Schlundkopf öffnet und Luft in die Speiseröhre einströmt. Es entsteht ein rülpsendes Geräusch, der sogenannte Koppton. Die meisten Kopper setzen dazu die Schneidezähne auf einen festen Gegenstand, wie den Krippenrand, die Boxenumrandung oder Zaunlatten. Das sind die sogenannten Aufsetzkopper. Einige Pferde können aber auch koppen, indem sie den Kopf beim Zusammenziehen der Halsmuskeln erst in Richtung Brust nicken und ihn dann Hochschnellen lassen, die nennt man Freikopper.
Kann man Koppen wieder abgewöhnen?
Pferde reagieren in unterschiedlichem Ausmaß auf Stress – wie anfällig ein Tier für Verhaltensstörungen ist, hängt von seinem Charakter ab. Was aber sicher ist: „Beginnt ein Pferd mit dem Koppen, ist das ein Zeichen für eine beeinträchtigte Lebensqualität und somit ein Symptom für tierschutzrelevante Bedingungen“, so Dr. Jahntz-Leschinsky. Und die sollte man sofort ändern, denn das Koppen kann nur abgeschwächt werden, wenn die auslösenden Bedingungen umgehend und sehr konsequent geändert werden. „Hat ein Pferd das Koppen als Verhaltensstörung einmal entwickelt, so ist es nicht möglich, ihm diese wieder abzugewöhnen“, so die Tierärztin. „Selbst unter den besten Haltungsbedingungen koppen viele Pferde weiter. Das liegt daran, dass es während der Entwicklung dieser Stereotypie zu strukturellen Gehirnveränderungen kommt.“
Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass nicht jedes Pferd, das koppt, aktuell leidet. „Eine Verhaltensstörung signalisiert in jedem Fall zurückliegende lang anhaltende Leiden des Pferdes und ist als psychische Erkrankung des Tieres anzusehen“, so Dr. Jahntz-Leschinsky. Aber: „Wurden die Umweltbedingungen optimiert und das Pferd koppt weiterhin, leidet es nach dem aktuellen Kenntnisstand nicht mehr, sondern kann entspannt leben.“
Koppen ist nicht gesundheitsschädlich
Früher wurde angenommen, dass das Pferd beim Koppen erhebliche Mengen an Luft abschluckt und dadurch vermehrt zu Koliken neigt. „Wissenschaftliche Untersuchungen belegen jedoch, dass nur sehr geringe Luftmengen in den Magen gelangen und bei koppenden Pferden nicht mehr Gaskoliken auftreten als bei anderen Pferden“, so die Tierärztin. Auch der Verdacht, dass Koppen eine Ursache für Magengeschwüre ist, hat sich nicht bestätigt. „In diesem Zusammenhang ist es wahrscheinlicher, dass die betroffenen Pferde aufgrund von chronischem Stress und falscher Fütterung unabhängig voneinander sowohl die Magengeschwüre als auch die Verhaltensstörung entwickeln“, vermutet Dr. Jahntz-Leschinsky.
Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind gravierende Gesundheitsschäden des Magen-Darmtraktes als Folge des Koppens also sehr selten. Mögliche Beeinträchtigungen sind lediglich die Abnutzung der Schneidezähne bei Aufsetzkoppern und eine stärker entwickelte Unterhalsmuskulatur, doch leistungsmindernd oder gesundheitsschädlich sind die auch nicht.
„Auch die immer noch angeführte Behauptung, dass Pferde das Koppen von anderen Tieren durch Nachahmung erlernen können, kann wissenschaftlich nicht bestätigt werden“, sagt die Veterinärin. „Falls Boxennachbarn von koppenden Pferden ebenfalls diese Verhaltensstörung entwickeln, sind in der Regel dieselben schlechten Haltungsbedingungen die Ursache.“
Tierquälerei: Kopperriemen, Strom und OP
Trotzdem sind immer noch allerlei Maßnahmen im Einsatz, um dieses menschengemachte Problem zu unterbinden. Zum Beispiel der Kopperriemen. Dabei handelt es sich um einen Lederriemen, der um den Kehlkopf angelegt und eng festgezogen wird, manchmal noch mit einem am Kehlkopf anliegendem Metallstück versehen. „Der Riemen übt Druck auf die Endsehnen der langen Halsmuskeln aus und erschwert so die für das Koppen erforderliche Kontraktion der Muskeln. Das Koppen wird somit mechanisch unterbunden“, erklärt die Tierärztin. Aber: „Da sich die Pferde nach einiger Zeit oft an den unangenehmen Druck auf die Endsehnen gewöhnen und wieder anfangen zu koppen, muss der Riemen im Laufe der Zeit immer enger verschnallt werden, um noch eine Wirkung zu erzielen. Dadurch kann es zu Druckstellen und dauerhaften Schmerzen kommen.“ Und: Meist koppen die Pferde trotz Riemen weiter. Das Unterfangen ist also nicht nur eine Tierquälerei, sondern auch völlig sinnlos.
Manche Pferdehalter gehen noch weiter und installieren sogar eine stromführende Litze auf der Boxenwand, um dem Pferd die Möglichkeit zum Aufsetzen seiner Zähne zu nehmen, oder lassen das Pferd operieren. „Bei der Kopper-Operation werden bei einem chirurgischen Eingriff unter anderem Anteile von Muskeln entfernt und Nerven durchtrennt, welche die lange Halsmuskulatur versorgen. Die Kontraktion der Muskulatur wird somit verhindert“, erklärt Dr. Jahntz-Leschinsky.
Ursachen abstellen!
Der Punkt ist: Solche „Therapieversuche“ setzen nicht an den Ursachen des Koppens an, unter denen das Pferd eigentlich leidet. „Durch Kopperriemen, Kopper-Operation oder das Bestrafen mit Stromschlägen erfolgt ausschließlich eine mechanische Unterdrückung der Verhaltensstörung“, sagt Dr. Jahntz-Leschinsky. Schlimmer noch: „Dem Pferd wird dadurch die Möglichkeit zur Bewältigung seines Stresses durch das Koppen selbst genommen. Zusätzlich bedeutet die mechanische Unterdrückung noch größeren Stress, was die Stereotypie auf Dauer verschlimmert oder sogar zur Entwicklung einer anderen Stereotypie beiträgt.“ Der Schuss kann also gewaltig nach hinten losgehen.
Deshalb bezieht die TVT ganz klar Stellung: „Solche `Therapieversuche` sind tierschutzwidrig.“ Und: „Da das Koppen eine Antwort des Pferdes auf seine Leiden darstellt, müssen auch die auslösenden Faktoren als tierschutzrelevant angesehen werden. Deshalb darf das Koppen nicht als bloße Untugend des Pferdes hingenommen und bagatellisiert werden, vielmehr sind zwingend Maßnahmen zur Verbesserung seines Wohlbefindens notwendig.“